Wir haben oft davon geschrieben, dass unsere Pakete in den Göttinger Werkstätten gepackt werden. Aber wir haben nie wirklich gezeigt, was das heißt. Heute fangen wir an. Erste Episode: Maria, 47, seit acht Jahren im Team.
Warum wir hingefahren sind.
Wir schreiben in fast jeder Kundenkommunikation davon, dass unsere Verpackung aus einer besonderen Werkstatt kommt. Aber irgendwann haben wir gemerkt: wir zitieren, was wir nicht wirklich gezeigt haben. Wir haben von Inklusion geschrieben, ohne die Menschen zu Wort kommen zu lassen, die diese Arbeit machen.
Also sind wir hingefahren. Mit Kamera, mit Fragen, mit Zeit. Nicht als PR-Termin. Als Besuch.
Was daraus geworden ist: eine kleine Serie. Drei Episoden, drei Portraits von Menschen, die deine Pakete jeden Tag in die Hand nehmen. Das hier ist Vol. 1.
Maria, 47, seit acht Jahren.
Maria packt seit acht Jahren in der Konfektionierungs-Abteilung der Göttinger Werkstätten. Vorher hat sie in einer Reinigungsfirma gearbeitet, davor in einer Kantine. Sie kennt Jobs, in denen sie unsichtbar war. Sie kennt auch Jobs, in denen ihr niemand zugehört hat.
Bei den Werkstätten ist das anders — sagt sie. „Hier bin ich nicht ein Problem, das gelöst werden muss. Hier bin ich Kollegin."
Was ihr an der Arbeit gefällt.
Wir haben gefragt, was sie an ihrer Arbeit mag. Wir haben eine Standard-Antwort erwartet — Teamgeist, Struktur, sowas. Bekommen haben wir das:
„Ich mag, dass ich sehen kann, was ich mache. Wenn ich ein Paket zumache, dann ist es zu. Wenn ich einen Karton vorbereite, dann ist er vorbereitet. Ich weiß am Ende des Tages, was ich geschafft habe. Das ist mir wichtig."
Zwei weitere Sachen kamen auf:
- Die Verlässlichkeit. Gleiche Zeiten, gleiche Kollegen, gleiche Räume. „Ich brauche das. Manche brauchen Aufregung. Ich brauche Ruhe."
- Die Anerkennung im Kleinen. Wenn jemand ihre Sorgfalt sieht — nicht als groß aufgezogene Wertschätzung, sondern beiläufig, im Vorbeigehen. Dass es gesehen wird.
Was sie wütend macht.
Wir haben gefragt, was sie stört. Was für sie in dem Job nicht funktioniert. Wir dachten, sie würde ausweichen. Sie tat das nicht.
„Wenn Leute so tun, als wären wir Kinder."
„Manche Auftraggeber schreiben Mails, als würden sie mit dem Kindergarten sprechen. Ganz langsam, ganz einfach, mit vielen Erklärungen. Wir sind erwachsene Menschen. Manche von uns haben eine Behinderung — aber wir sind trotzdem Fachkräfte. Wenn ihr uns beauftragt, dann behandelt uns auch so."
„Wenn wir für Marketing benutzt werden."
„Manche Firmen wollen mit uns Fotos machen. Für ihren Bericht. Für ihre Social-Media. Wir werden dann in Szene gesetzt, mit einem Produkt in der Hand, lächelnd. Danach hören wir nichts mehr. Das ist keine Wertschätzung. Das ist Verwertung."
Wir haben Maria vor diesem Blog-Post alles lesen lassen, was hier steht. Sie hat die Formulierungen gegengelesen, wir haben nach ihrem Feedback angepasst. Das ist der Standard, den ihre Kritik von uns eingefordert hat. Es ist ihr Wort, nicht unseres.
Was sie sich von Brands wünscht.
Wir haben gefragt: „Wenn eine Brand mit euch arbeitet — was wär's, was sie anders machen sollte?"
Maria hat kurz überlegt. Dann:
- „Kommt vorbei. Nicht einmal, sondern öfter." Werkstätten werden oft mit einem einmaligen Besuch abgehakt. Kunden, die immer wieder kommen — auch ohne PR-Zweck — sind selten. „Wir merken das."
- „Bezahlt anständig." Die Werkstätten haben einen Lohn, der oft unter dem Mindestlohn liegt — das ist eine gesetzliche Struktur, gegen die die Werkstätten selbst antreten. Auftraggeber können durch faire Vergütung Druck ausüben, dass das sich ändert.
- „Zeigt uns nicht wie Wohltat." „Wir liefern Qualität. Ihr bezahlt dafür. Das ist ein Geschäft, keine Spende. So darf's auch klingen."
Warum wir das ernst nehmen.
Wir schreiben oft von den Werkstätten. Wir müssen aber ehrlich sein: der Punkt „zeigt uns nicht wie Wohltat" hat uns getroffen. In manchen unserer eigenen Texte klingt genau das mit. Wir arbeiten dran, das zu ändern.
Was wir aus diesem Besuch mitgenommen haben:
- Wir bezahlen ab sofort 10% über dem üblichen Tarif für die Konfektionierung. Nicht groß angekündigt, einfach umgesetzt.
- Wir kommen vierteljährlich vorbei. Ohne Kamera. Einfach, weil wir Beziehungen wollen, nicht Beweise.
- Wir schreiben über die Werkstätten nur, wenn wir wirklich was zu sagen haben. Kein Namedropping, keine Deko.
Was als Nächstes kommt.
Vol. 2 in ca. 6 Wochen. Portrait von Kevin, 28, der die Etiketten druckt. Er hat uns Sachen erzählt, für die wir mehr Zeit brauchen, um sie richtig aufzuschreiben.
Vol. 3 danach: ein Gruppen-Portrait der Frühschicht. Wie ein Tag dort aussieht — von 6 Uhr bis Mittag.
Die Göttinger Werkstätten sind eine eigene Organisation, keine Kooperation von uns. Wenn du dich engagieren oder mehr erfahren willst, führt der Weg direkt zu ihnen. Wir sind da nur ein Kunde unter vielen — und das soll auch so bleiben.
„Verpackt von Menschen, die zählen."
— Haute Volée · Behind the Pink Box Vol. 1


